Genetische Daten sprechen dafür

16. September 2009 | Kategorie: Uncategorized
             

Der neue Biomarker Fetuin-A beeinflusst direkt das Infarktrisiko

Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIfE) haben kürzlich zusammen mit Ärzten der Universität Tübingen einen neuen Biomarker identifiziert, mit dem sich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorhersagen lässt. Bei dem Biomarker handelt es sich um Fetuin-A, ein ins Blut abgegebenes Leberprotein. Eine Auswertung genetischer Daten von 2.520 Erwachsenen spricht nun dafür, dass der Fetuin-A-Spiegel im Blut das Herzinfarktrisiko direkt beeinflusst. Er erlaubt somit nicht nur Vorhersagen, sondern könnte sogar einen neuen Ansatzpunkt für Therapien darstellen. Zu diesem Ergebnis kam ein Forscherteam um Cornelia Weikert vom DIfE.

Die Studie, zu der Eva Fisher vom DIfE und Norbert Stefan vom Universitätsklinikum Tübingen* maßgeblich beigetragen haben, wurde online in Circulation Cardiovascular Genetics publiziert, einer Fachzeitschrift der American Heart Association (Eva Fisher and Norbert Stefan et al. 2009, DOI: 10.1161/CIRCGENETICS.109.870410).

Bereits vor kurzem hatten die Forscher aus Potsdam-Rehbrücke und Tübingen gezeigt, dass sich anhand des Fetuin-A-Spiegels das Herzinfarktrisiko vorhersagen lässt. Nun wollte die Gruppe um Cornelia Weikert klären, ob Fetuin-A „lediglich“ als ein Marker für den Herzinfarkt zu verstehen ist oder das Risiko sogar ursächlich mit beeinflusst.

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, führten die Wissenschaftler genetische Untersuchungen durch. Grundlage für diese Analysen bildeten die Daten der Potsdamer European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC) – Studie. Diese ist eine große Bevölkerungsstudie, welche die Zusammenhänge zwischen Ernährung und dem Auftreten von Erkrankungen untersucht. Die Forscher werteten die Daten von insgesamt 2.520 Studienteilnehmern aus. Während der Beobachtungszeit von durchschnittlich acht Jahren trat bei 214 der Teilnehmer erstmals ein Herzinfarkt auf.

Die Wissenschaftler untersuchten fünf natürliche Varianten** des Fetuin-A-Gens hinsichtlich ihrer Effekte auf die Fetuin-A-Konzentration im Blut und auf das Infarktrisiko. In der Tat konnten die Forscher zeigen, dass diese Varianten die Höhe des Fetuin-A-Spiegels beeinflussen, wobei die C-Variante-rs4917 den stärksten Effekt aufwies. Je nachdem, ob ein Studienteilnehmer nur eine oder zwei Kopien dieser Genvariante von seinen Eltern geerbt hatte, erhöhte sich allein hierdurch sein Fetuin-A-Wert um zusätzliche 35,5 beziehungsweise 71 Mikrogramm pro Milliliter. Ebenso wirkte sich diese Variante direkt auf das Herzinfarktrisiko aus. Statistisch betrachtet, stieg mit jeder Kopie dieser Variante das Risiko um 34 Prozent an.

„Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Fetuin-A-Gen, der Fetuin-A-Menge im Blut und dem Risiko für einen Herzinfarkt besteht. Ein erhöhter Fetuin-A-Spiegel könnte daher ähnlich wie ein zu hoher Cholesterinspiegel das Herzinfarktrisiko direkt steigern. Damit wäre es auch denkbar, das Herzinfarktrisiko zu senken, indem man die Fetuin-A-Werte im Blut vermindert“, erklärt Cornelia Weikert. „Wie dies erreicht werden kann und ob eine solche Maßnahme therapeutisch sinnvoll sein wird, wissen wir nicht. Angesichts der großen Zahl von Menschen, die einen Herzinfarkt erleiden, erscheint es aber wichtig, die Forschung in diese Richtung zu verstärken“.
Hintergrundinformationen:

*Medizinische Klinik IV, Abteilungen Endokrinologie, Diabetologie, Angiologie, Nephrologie und Klinische Chemie des Universitätsklinikums Tübingen

**Die Wissenschaftler untersuchten die folgenden Genvarianten (SNPs/single nucleotide polymorphisms): rs2248690, rs2070633, rs2070635, rs4917, rs6787344. Bei der C-Variante-rs4917 ist an Position g.6864 des Fetuin A-Gens die Base Thymin (T) gegen die Base Cytosin (C) ausgetauscht.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen:
Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes verstarben im Jahr 2007 in Deutschland 358.683 Personen an Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems. Obwohl sich im Zeitraum von 1990 bis 2003 die Zahl der durch koronare Herz-Kreislauf-Erkrankungen bedingten Todesfälle zum Teil deutlich verringerte, sind in den Industrienationen Herz-Kreislauf-Krankheiten immer noch die häufigsten Todesursachen im Erwachsenenalter.

Die EPIC-Studie (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition) ist eine prospektive, 1992 begonnene Studie, die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Krebs und anderen chronischen Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes untersucht. An der EPIC-Studie sind 23 administrative Zentren in zehn europäischen Ländern mit 519.000 Studienteilnehmern beteiligt. Die Potsdamer EPIC-Studie mit mehr als 27.500 Studienteilnehmern/innen im Erwachsenenalter leitet Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE). Bei der Auswertung einer prospektiven Studie ist es wichtig, dass die Teilnehmer/innen zu Beginn der Studie noch nicht an der zu untersuchenden Krankheit leiden. Die Risikofaktoren für eine bestimmte Erkrankung lassen sich so vor ihrem Entstehen erfassen, wodurch eine Verfälschung der Daten durch die Erkrankung weitestgehend verhindert werden kann – ein entscheidender Vorteil gegenüber retrospektiven Studien.

Das Deutsche Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Es erforscht die Ursachen ernährungsbedingter Erkrankungen, um neue Strategien für Prävention, Therapie und Ernährungsempfehlungen zu entwickeln. Forschungsschwerpunkte sind dabei Adipositas (Fettsucht), Diabetes und Krebs.

Zur Leibniz-Gemeinschaft gehören zurzeit 86 Forschungsinstitute und Serviceeinrichtungen für die Forschung sowie drei assoziierte Mitglieder. Die Ausrichtung der Leibniz-Institute reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Sozial- und Raumwissenschaften bis hin zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute arbeiten strategisch und themenorientiert an Fragestellungen von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung. Bund und Länder fördern die Institute der Leibniz-Gemeinschaft daher gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen etwa 14.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon sind ca. 6.500 Wissenschaftler, davon wiederum 2.500 Nachwuchswissenschaftler. Näheres unter www.leibniz-gemeinschaft.de

An der Medizinischen Klinik IV der Universität Tübingen mit den Schwerpunkten Diabetologie, Endokrinologie, Angiologie, Nephrologie und Klinische Chemie unter der Leitung von Hans-Ulrich Häring wird seit Jahren, u.a. unterstützt durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und das Bundesministerium für Bildung und Forschung, an der Erforschung der Pathogenese, Prävention und Therapie des Typ-2-Diabetes und seiner kardiovaskulären Folgeerkrankungen gearbeitet. Hier wurden die ersten wegweisenden Arbeiten erstellt, welche auf eine wichtige Rolle von Fetuin-A in der Pathogenese des Typ-2-Diabetes und kardiovaskulärer Erkrankungen beim Menschen hinweisen.

Quelle: Deutsches Institut für Ernährungsforschung

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